Rezension: Gruselkabinett - 132 & 133 - Sweeney Todd

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Rezension: Gruselkabinett - 132 & 133 - Sweeney Todd

Beitrag von MonsterAsyl » Di 27.02.2018, 19:06

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Gruselkabinett - 132 & 133 - Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street

Zum Inhalt:
Im Jahre 1785 gehen seltsame Dinge in London vor. Menschen, wie etwa Lieutenant Thornhill, verschwinden spurlos nach einem Besuch bei dem grobschlächtigen Barbier Sweeney Todd. Colonel Jeffrey, ein Bekannter Thornhills, macht sich auf die Suche nach diesem und kommt Schritt für Schritt einem schrecklichen Geheimnis auf die Spur, in das auch die schöne Besitzerin des Fleischpasteten-Ladens, Mrs Lovett, verwickelt zu sein scheint...

Zur Produktion:
Als die Geschichte "A String of Pearls" vom November 1846 bis März 1847 in dem britischen Magazin "The People's Periodical and Family Library" veröffentlicht wurde, ahnten weder der Herausgeber Edward Lloyd noch die Autoren, daß der Erfolg dieses "Penny Dreadful" [eine Art viktorianischer Groschen-Gruselroman, der wöchentlich erschien und einen Penny kostete] bis heute anhalten würde. Über den Verfasser herrscht nach wie vor Uneinigkeit. Zunächst schrieb man den Roman Thomas Peckett Prest (1810-1859), einem britischen Journalisten zu, etwas später wurde auch James Malcom Rymer(1814-1884) als Urheber genannt. Inzwischen geht man davon aus, daß beide gleichermaßen beteiligt waren und zusammen die Geschichte des dämonischen Barbiers aus der Fleet Street entwickelten. 1850 erschien dann die 732 Seiten starke Buchversion mit dem Untertitel: "The Barber of Fleet Street - A Domestic Romance".
Bereits 1847, noch vor dem Ende der Erstveröffentlichung, wurde die Geschichte für das Theater adaptiert. Im Laufe der Zeit gab es immer wieder neue Bühnen-Interpretationen des Stoffes, und schon 1926 erschien die erste von vielen Verfilmungen.
Doch keine der zahlreichen Versionen entspricht auch nur annähernd der literarischen Vorlage.
Diese Lücke wird erst mit dem vorliegenden Hörspiel, nach dem Skript von Marc Gruppe, geschlossen. Aufgrund des Umfangs der Vorlage, war Gruppe, trotz der Verteilung auf 2 CDs und der damit verbundenen großzügig angelegten Laufzeit von knapp 127 Minuten (CD 1 = ca. 57 Minuten / CD 2 = ca. 70 Minuten), zwar auch gezwungen, diverse Subplots aus den 39 Kapiteln zu kürzen bzw. ganz wegzulassen, aber seine Adaption ist trotzdem genauer und dichter am Buch als sämtliche vorherigen.
Beinahe alle wesentlichen Elemente des Romans sind enthalten (lediglich der stark verkürzte Aufenthalt von Tobias in der Irrenanstalt und der Wegfall des dortigen Berichts der alten Frau, wären von meiner Seite aus zu bemängeln), und die Figuren werden wieder so klar bzw. "einfach" umrissen, wie in der Originalgeschichte. Das lässt die Charaktere vielleicht heutzutage etwas plakativ erscheinen, aber so waren sie nun mal von den Autoren angelegt. Daraus resultierend, fällt auch der Spannungsaufbau anders aus als gewohnt. Üblicherweise rätselt man ja bei Kriminalgeschichten erst eine Weile, wer was warum macht, aber das ist hier anders. Unorthodoxerweise wird nämlich schon in der Eröffnungsszene die Identität des Mörders "verraten" und deutlich darauf hingewiesen, was mit den Leichen passiert. Der anschließende Nervenkitzel und das Grauen ergeben sich allein aus der Tatsache, daß der Killer völlig hemmungslos immer weitermacht und alle Zeugen oder Komplizen entweder auf brutalste Weise selbst hinmordet, töten lässt oder mittels Erpressung zum Schweigen bringt. Derart abgesichert, scheint es unmöglich, ihn zu überführen und ihm Einhalt zu gebieten. Um den Ablauf bis zum Ende möglichst flüssig zu gestalten, hat Marc Gruppe sich zwar die Freiheit genommen, einige Figuren zu streichen, aber deren Text geht nicht etwa verloren, sondern wird stattdessen einer anderen Person in den Mund gelegt. Darüber hinaus ist auch die Sprache etwas "entschärft" bzw. modernisiert worden. So wurde beispielsweise aus "Magistrate" die Polizei, und unzeitgemäße Formulierungen wie "Now, are you not a happy dog?" sind ersatzlos gestrichen. Trotz der großen Nähe zum Originaltext, gibt es doch ein paar Veränderungen gegenüber dem Buch. Das betrifft hauptsächlich die zeitliche Reihenfolge von Ereignissen, die etwas umgestellt worden sind. Das gereicht der Geschichte allerdings auch zum Vorteil, denn auf diese Weise bleibt der Ablauf flüssiger. Nicht ganz so gelungen finde ich hingegen das Ende. Zum einen, weil die Erklärung der Geschehnisse weitaus ausführlicher und damit auch langatmiger daherkommt, zum anderen, weil Charaktere, wie beispielsweise Tobias Ragg, einfach unvermittelt auftauchen, statt, wie im Roman, bereits vorher wieder in die Geschichte integriert worden zu sein. Hier wirkt sein Erscheinen eher "angehängt". Außerdem habe ich es bedauert, daß Marc Gruppe das Ende in sofern "aufgeweicht" hat, daß er Dr. Fogg lediglich als "Verbrecher auf der Flucht" bezeichnet. Im Buch wird klar herausgestellt, daß die Regierung ihrer Majestät ihm, unter Übernahme aller Kosten, freundlich nahegelegt hat, das Land zu verlassen. Das mag heute zwar unwahrscheinlich klingen, war damals aber tatsächlich gang und gäbe, da es einfach nicht sein konnte bzw. durfte, daß Menschen höheren Standes auch schnöde Verbrechen begingen, für die man sie zu den "gewöhnlichen" Kriminellen in die Zuchthäuser steckte oder gar hängte. Denn das hätte die bestehende Ordnung schwer gefärdet und musste mit allen Mitteln vermieden werden.
Wer nun neugierig geworden ist und die Geschichte im englischen Original nachlesen möchte, findet sie im Internet unter https://en.wikisource.org/wiki/The_String_of_Pearls.
Auch Produktion und Regie durch Stephan Bosenius und Marc Gruppe fallen diesmal ein wenig anders aus als gewohnt. Zwar ist das Hörspiel wieder mit viel Musik versehen, aber beinahe alle Stücke sind düster und bedrohlich gehalten. Das passt auch hervorragend zu Handlung, in der es so gut wie keine "lichten" Momente gibt. Neben dumpfen Synthesizersounds, stehen hier vor allem Streichinstrumente, wie die Geige, im Vordergrund. Besonders gut gefallen hat mir der Einsatz des Spinetts, denn für mich gibt es kein anderes Instrument, daß besser zum zeitlichen Setting passen würde. Gleiches gilt für die eingespielten Choräle, die dem Geschehen immer noch eine zusätzliche Tiefe verleihen. Komplettiert wird das akustische Bild durch die zahlreichen natürlich klingenden Geräusche, für die das Label Titania längst bekannt ist. Da wäre zunächst Hektor, der Hund, lobend zu erwähnen. Statt den einfachen Weg zu gehen und irgendein "Soundlibrary-Hündchen" kläffen zu lassen, hört man hier ein kräftiges, dunkles Bellen, das auch zu dem beschriebenen Tier passt.
Jede einzelne Szene ist liebevoll mit einer adäquaten Geräuschkulisse versehen worden, und neben dem schon fast zwingend notwendigen Gewitter mit seinem prasselnden Regen und Donner, sind auch so "nebensächliche" Geräusche, wie das Klappern von Geschirr und Besteck beim Spülen zu hören. Akustisches Highlight waren für mich aber die Schreie der Insassen der Irrenanstalt, welche mir aufgrund ihrer Intensität und der darin liegnden Verzweiflung, Gänsehaut verursacht haben. Um nicht von der Geschichte abzulenken, verzichten Stephan Bosenius und Marc Gruppe auf den Einsatz zu dominanter Effekte und setzen diese bewusst in den Hintergrund. So wird beispielsweise beim Lesen eines Briefes die männliche Stimme des Vorlesers sanft ausgeblendet, dafür aber die Stimme der Absenderin eingespielt und mit leichtem Hall unterlegt.

Zu den Sprechern:
Die raue Stimme von Thomas Balou Martin(Colonel Jeffrey) passt nicht nur hervorragend zu der von ihm dargestellten Figur des lebenserfahrenen, gegenüber Sweeney Todd sehr misstrauischen Colonels, der mit seiner Suche die Ereignisse noch beschleunigt, sondern ist auch perfekt für den Erzählerpart. Seine unaufgeregte, aber dennoch emotionsvolle Art des Vortrags, lässt einen schnell vergessen, daß hier der Erzähler spricht und nicht der Colonel.
Die Hauptfigur Jaques Breuer(Sweeney Todd), der bestialisch mordende Barbier, hat natürlich auch den größten Textanteil. Breuer ist einfach spitze als Frisör, der bei seinen Kunden regelrecht schmeichlerisch auftritt und sie unauffällig ausfragt. Gerade wenn er sich besonders freundlich gibt, so wie zunächst gegenüber Raggs Mutter, steigt beim Hörer die Anspannung, da er ja weiß, zu was dieser Mensch fähig ist. Ebenfalls sehr überzeugend fand ich auch Tom Raczko(Tobias Ragg) als junger, vom gewissenlosen Treiben seines Chefs eingeschüchterter Angestellter Todds. Die Verzweiflung, die er in seine Stimme legt, ist dermaßen intensiv, daß es dem Hörer schon fast unangenehm nahe geht. Matthias Lühn(Lieutenant Thornhill) überzeugt als jovialer Offizier, der einen Freundschaftsdienst zu erledigen hat, genauso wie Bodo Primus(John Oakley) in seiner Rolle des älteren, fürsorglichen Brillenmachers.
Janina Sachau(Johanna Oakley) intoniert die unglückliche Verlobte mit sympatischer Stimme, und für mich ist sie hier die heimliche Heldin, da sie sich tapfer ganz allein in die Höhle des Löwen wagt. Ebenfalls sehr gut sind die Auftritte von Horst Naumann(Captain Rathbone), der die Sorgen des Colonels teilt und ihn so gut wie möglich bei seinen Recherchen unterstützt und Peter Weis(Hehler) als unfreundlicher, alter Mann mit dreckiger Lache. Sascha von Zambelly(Dieb) ist der zunächst sehr freundlich wirkende Gauner, der schnell sein wahres Gesicht zeigt, und Michael Che Koch(Skinner) spielt Mrs Lovetts in Ungnade gefallene Küchenhilfe. Mindestens ebenso ausdrucksstark wie das Spiel von Tom Raczko, ist auch Louis Friedemann Thieles(Jarvis Williams) Darstellung des heruntergekommenen Landstreichers, der bald sein Schicksal ahnt und an der Unfähigkeit, es zu ändern, beinahe zerbricht. Gefallen hat mir auch Daniela Bette(Mrs. Lovett) als Besitzerin des Pastetenladens, deren weiche Stimme sie weitaus harmloser wirken lässt, als sie eigentlich ist. Erst als ihre Maske fällt und sie ihrem Ärger Luft macht, erkennt man, daß sie, was Brutalität und Skrupellosigkeit anbelangt, Sweeney Todd in nichts nachsteht. Kathryn McMenemy (Arabella Wilmot) spricht Joannas hilfsbereite Freundin, und Hörspiellegende Dagmar von Kurmin(Mrs. Ragg) ist ausgezeichnet als einfache, alte Waschfrau, die sich zunächst von Todd einlullen lässt und deren anschließendes Gejammer wirklich herzergreifend ist. Rolf Berg(Dr. Fogg) beeindruckt als Leiter der Irrenastalt "Peckham Rye", der alles andere als ein guter Arzt ist, genauso wie sein mitleidloser Gehilfe Bruno Winzen(Mr. Watson). In weiteren Nebenrollen sind noch Matthias Lühn(Apotheker) als gewissenloser, geldgieriger Pharmazeut und erneut Peter Weis(Mr. Wrankley), diesmal als älterer, ahnungsloser Tabakhändler zu hören. Unbedingt erwähnen möchte ich noch die zwar sehr kurzen, aber dennoch überzeugenden Autritte von Marc Gruppe(Mayer) als Matrose und Stephan Bosenius(Kutscher) als Fuhrmann.

Fazit:
Die erste tatsächlich werkgetreue Adaption der Geschichte des mörderischen Barbiers aus der Fleet Street.

Das Hörspiel Gruselkabinett - 132 & 133 - Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street
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