Rezension: Die weisse Lilie - Staffel 2

Sherlock Holmes, Jerry Cotton - Kommissare und Detektive ermitteln Psychopaten im Ohr.
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MonsterAsyl
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Rezension: Die weisse Lilie - Staffel 2

Beitrag von MonsterAsyl » Fr 02.02.2018, 08:48

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Die weisse Lilie - Staffel 2 - Krieg in Boston

Zum Inhalt:
Nach dem Desaster im Kongo gelingt Daniel Porter nur mit Mühe die Flucht nach Südafrika. Dort setzt er sich, nach einem Besuch beim Arzt, mit seinem Freund Jerry Flemming in Verbindung. Dieser verspricht ihm, eine Möglichkeit zu finden, wie Porter nach Amerika zurückkehren kann, um herauszubekommen, wer ihn verraten hat. Auch für Detective Henry Miles und seinen Partner Samuel Haden ist der Fall noch lange nicht abgeschlossen. Unglücklicherweise hat ihr Hauptverdächtiger Michael Howard, der Abgeordnete des Stadtparlaments, Verbindungen bis nach ganz oben. Da den beiden Ermittlern die nötigen Beweise fehlen, verbietet ihnen ihr Vorgesetzter Frank Munroe, weiter gegen den Politiker zu ermitteln. Als Howard eine Mordrohung erhält, werden ausgerechnet die beiden Detectives abkommandiert, um ihn zu schützen.

Zur Produktion:
Es ist nun gut drei Monate her, daß Folgenreich die erste Staffel "Die weisse Lilie" von Lily Sound als 3er-CD-Box-Set herausgebracht hat.
Die Serie schlug ein wie eine Bombe, und Hörer wie Kritiker haben voller Ungeduld der Fortsetzung entgegengefiebert. Um die Zeit bis zur nächsten Box zu verkürzen, veröffentlicht Folgenreich zwei der drei Kapitel (so werden die Folgen bezeichnet) der kommenden Staffel bereits vorab in Form von Downloads bzw. Streams. Das dritte und jeweils letzte Kapitel der jeweiligen Staffel erscheint dann zeitgleich mit dem 3er-CD-Set.
Wie schon in der ersten Box, liegt auch diesmal wieder ein Booklet bei, das eine kurze Inhaltsangabe, die Sprecherliste und Laufzeit der einzelnen Kapitel enthält. Apropos Laufzeit: im Vergleich zur ersten Box, bekommt man hier etwas mehr "Futter" (CD 1 = 54 Minuten, CD 2 = 76 Minuten, CD 3 = 67 Minuten), was insgesamt ca. 3 1/4 Stunden puren Hörvergnügens entspricht. Aufgrund der bereits erwähnten Veröffentlichungspolitik und um neuen Höreren den Einstieg zu erleichtern, beginnt jede Folge mit der Einspielung der Titelmusik und einem Rückblick auf das vorangegangene Kapitel. Bereits hier sollte man gut aufpassen, denn dieser wird nicht etwa nur von einem Erzähler vorgelesen, sondern erfolgt in Form kurz eingespielter Ausschnitte, aus denen sich der Hörer das Geschehen erschließen muss. Was nun inhaltlich folgt, ist keinesfalls leichte Kost, und die Altersempfehlung ab 12 Jahren hat durchaus ihre Berechtigung!
Etliche der in "Staffel 1 - Tödliche Stille" begonnen Handlungsfäden werden diesmal von den beiden Ideengebern und Autoren Benjamin Oechsle und Timo Kinzel nach und nach auf ebenso unterhaltsame wie anregende Weise zusammengeführt. So bekommt man beispielsweise Schlüsselsequenzen aus der ersten Staffel noch einmal präsentiert, allerdings aus einer völlig anderen akustischen Perspektive. Auf diese Weise wirken die Szenen für alle Hörer neu und bieten darüber hinaus die Möglichkeit, zusätzliche, bisher unbekannte Informationen zu vermitteln. Inhaltlich fällt "Staffel 2 - Krieg in Boston" genauso spannend und fesselnd aus wie sein Vorgänger, aber aufgrund des häufigen Szenen- bzw Perspektivenwechsel eignet es sich keinesfalls zum Nebenbei-Hören. Wer sich aber darauf einlässt, wird an der dichten, anspruchsvollen Inszenierung garantiert seine Freude haben. Je stärker sich die Ereignisse überschlagen, desto mehr fiebert man mit den einzelnen Charakteren mit, und es gelingt Oechsel und Kinzel perfekt, den Nervenkitzel bis zum Schluß aufrechtzuerhalten. Dabei werden nicht nur einige Handlungsstränge entwirrt, sondern auch neue begonnen. So bleiben weiterhin etliche Fragen offen, und wie schon beim letzten Mal, endet auch diese Staffel mit einem ziemlich fiesen Cliffhanger.
Einer der Gründe, warum ich die Serie so interessant finde, ist sicherlich die Art und Weise, wie die Charaktere entwickelt werden. Im Gegensatz zu anderen Produktionen, gibt es keinerlei Hintergrundinformationen Dritter vorab, sondern die einzelnen Figuren definieren sich ausschließlich durch ihrer Worte und Taten. Deshalb ist man geneigt, sich anhand des Gehörten ein ganz eigenes Bild der Personen zu schaffen, welches man aber, aufgrund der ständig hinzukommenden Informationen, immer wieder korrigieren muss. Als Beispiel sei hier Daniel Porter angeführt. Während man zunächst davon ausgeht, es handele sich bei ihm um eine positive Figur, ändert sich das, sobald man erfährt, daß er ein Profikiller ist. Doch auch diese Einordnung erweist sich als voreilig, denn er verhält sich eigentlich ganz anders, als es das Klischee "kaltherziger Auftragsmörder" erwarten ließe. Insbesondere wo man jetzt weiß, daß seine innig geliebte Freundin Lynn ermordet wurde. Somit stellt sich automatisch die Frage, ob Daniel bereits vor oder erst nach diesem traumatischen Erlebnis seine "Beschäftigung" aufnahm und inwieweit es seine Entscheidung dahingehend beeinflusst hat.
Doch nicht nur die mitreißenden Geschichte, auch die Produktion selbst nimmt den Hörer sofort für sich ein. Es ist schon ein akustisches Meisterwerk, welches Benjamin Oechsle und Timo Kinzel hier geschaffen haben. Viele Label werben ja gern mit Schlagwörtern wie "Surroundsound". Lily Sound liefert den einfach, ohne es groß zu erwähnen. Die Abmischung ist dermaßen gelungen, daß man jederzeit das Gefühl hat, "live" dabei zu sein. Großartig finde ich beispielsweise die Szene, in der Daniel Porter das Arztzimmer verlässt. Er öffnet die Tür, und schon schlägt ihm, und damit dem Hörer, eine Mischung unterschiedlichster Töne entgegen. Geschäftig über den Flur eilende Krankenschwestern, summende Neonröhren, medizinische Apparaturen und ein Stimmengewirr aus einheimischen Wortfetzen liefern ein perfektes Bild vom Inneren des afrikanischen Krankenhauses. Richtig "umwerfend" wird die Szene aber erst, als Porter auf die Straße tritt. Das Klangbild "öffnet" sich und man hat das Gefühl, die drückende Hitze würde einem förmlich ins Gesicht schlagen. Der Straßenlärm aus Passanten und Autos klingt genau so, wie man es von diesem Schauplatz erwarten würde. Zwischen ihm und den später noch zu hörenden New Yorker Straßensounds aus Wind und einem ungleich dichteren, lauteren Verkehrsaufkommen, liegen im wahrsten Sinne des Wortes Welten.
Es ist die Sorgfalt und Genauigkeit mit der hier jeder Handlungsort liebevoll erschaffen wird, welche das Geschehen so lebendig und glaubwürdig erscheinen lässt.
Neben der überzeugenden Geräuschkulisse (ich war schon in New York, und es hört sich dort wirklich so an) kommen natürlich noch eine Vielzahl Effekte zum Einsatz. Das Propellerflugzeug scheint zum Beispiel einmal quer durchs Zimemr zu fliegen, und der plötzlich einsetzende "Pfeifton" simuliert perfekt den Tinnitus der Opfer nach der unerwarteten Bombenexplosion.
Mindestens ebenso gut gefallen hat mir die Musik von Jochen Mader & Johannes Arzberger und wie sie eingesetzt wurde. Schon die düstere, fast tragende Titelmelodie, bei der das Klavier vorherrschend ist, versetzt den Hörer in die zum Inhalt passende Grundstimmung. Dieser bedrückende Stil wird auch konsequent beibehalten, und es gibt nicht eine "leichte" Weise, die das dramatische Geschehen entspannen oder gar relativieren würde.
Oft werden Szenen langsam ausgeblendet und Musikstücke kurz eingespielt, bevor man eine bereits weiter zurückliegende Szene wieder aufnimmt, wie etwa die Sequenz im Lüftungsschacht. Die dumpfen Synthesizersounds, die während des Hubschrauberflugs zu hören sind, klangen für mich wie eine Verbeugung vor John Carpenters Filmmusik von "Die Klapperschlange".

Zu den Sprechern:
Lily Sound, d.h. Benjamin Oechsle und Tim Kinzel, sind bei der Besetzung der Rollen genauso aufmerksam vorgegangen wie bei der Produktion. Selbst kleinste und eher unwichtig erscheinende Parts, so etwa die Nachrichtensprecherinnen, sind mit unterschiedlichen Stimmen besetzt, was die Darbietung (verschiedene Sender = verschiedene Angestellte) noch glaubwürdiger wirken lässt. Man mag ja meinen, daß es einfach sei, gerade diese Rollen zu sprechen, doch das Gegenteil ist der Fall. Es ist eine Kunst, Nachrichten möglichst neutral zu verlesen, und Manuela Bäcker(Nachrichtensprecherin) und Susanne Sternberg(Nachrichtensprecherin) meistern diese Aufgabe so souverän, daß man tatsächlich den Eindruck hat, eine echte Nachrichtensendung zu hören. Mark Bremers(Erzähler) leicht raue Stimme passt ausgezeichent zum bedrückenden Grundton der Serie und beschränkt sich im Großen und Ganzen auf kurze, präzise Beschreibungen der Umgebung. Martin Sabel(Daniel Porter) überzeugt erneut als einerseits kanllharter, andererseits sehr nachdenklicher Killer, der aufgrund der Ereignisse beginnt, selbst gegenüber seinem Freund Tim Knauer(Jerry Finnegan) misstrauisch zu werden. Knauer liefert eine starke Performance als Daniels Kumpel, der nur helfen will und den Daniels Verhalten zutiefst kränkt. Von der Figur her gefällt mir Stephan Benson(Henry Miles) bisher am besten. Ich mag seine bärbeißige Stimme, die genau so klingt, wie ich mir diesen etwas abgehalfterten Detective mit dem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn vorstelle.
Timo Kinzel(Samuel Haden) als Henry Miles Partner, nimmt sich für meinen Geschmack schon fast etwas zu sehr zurück. Natürlich verkörpert er einen ganz anderen Charakter, aber da man bisher wenig über ihn weiß, bleibt er eher blass. Nichtsdestotrotz ist er prima als jüngerer Partner des Detectives, den nichts so schnell aus der Ruhe bringen kann. Ganz im Gegensatz zu Holger Mahlich(Frank Munroe) als deren Chef, der von der Politik unter Druck gesetzt wird und den die Eigenmächtigkeiten seiner Untergebenen schon mal ordentlich in Wut versetzen. André Beyer(Michael Howard) liefert ein perfektes Portrait des verschlagenen, rücksichstlosen und überheblichen Politikers, der alles tut, um seine Macht zu erhalten. Gleiches gilt auch für Achim Buch(Sean Mitchell), als Nominee für die Atombehörde, der noch vorausschauender und berechnender agiert als seine Gegner. Sascha Rotermund(Lamar Johnson) intoniert den eiskalten Assistenen der gnadenlosen, zu allem entschlossenen Ulrike Johannson(Iris Fairchild) mit gefährlichem Unterton in der Stimme, während Volker Hanisch(Peter Flemming) als Leiter eines Teams bei Interpol, freundlich und sympathisch wirkt. Ähnlich geht es mir bei Sonja Szylowicki(Carol Nolasco) in ihrer Rolle der vom Münchner Wetter genervten Kryptologin. Wirklich gut ist auch Céline Fontanges(Samira Barzani), die ihren Text während eines Telephonates leise und eindringlich flüstert. Sie legt dermaßen viel Gefühl in ihre Stimme, daß sich Emotionen, wie beispielsweise Erleichterung, umgehend auf den Hörer übertragen. Auch wenn sie wahrscheinlich keine professionelle Sprecherin ist, wirkt Dela Dabulamanzi(Miss Kingsani) als verzweifelte Zeugin vollkommen authentisch. Gerhart Hinze(Eric Rogers) als besorgter Leiter der Atombehörde, spricht seine Part mit leicht heiserer Stimme, und Tilman Borck(Greg Huxley) hat hörbar Freue an seiner Rolle des sadistischen Mörders, der von seiner Unantastbarkeit vollkommen überzeugt ist. Dagmar Dreke(Anne Riley) als Samiras überraschte, später völlig verängstigte Halbschwester, konnte mich genauso gut unterhalten, wie Vanida Karun(Chloe Farell) als Journalistin des "Boston Globe", die ihrer Freundin Samira unbedingt helfen will. Über einen Auftritt von Robert Missler(Andrew Carter), hier als Editor des "Boston Globe", freue ich mich immer, der Mann gehört für mich nach wie vor zu den besten Sprechern. Wolfgang Riem(Aaron Curtis) ist perfekt als ehrlicher, über das tadelnswerte Verhalten seines Gegenkandiadten Howard verärgerter Politiker. Beinahe den gleichen Ärger legt auch Katrin Decker(Nancy Reedman) als moralisch entrüstete, ausgebootete Kandidatin in ihren Vortrag. Kerstin Draeger(Moderatorin Sicherheitskonferenz) versteht es, einem das Gefühl zu geben, einer sachlich orientierten, selbstbewussten Geschäftsfrau zuzuhören, während man bei Julia Casper(Moderatorin TV-Show) das Gefühl entwickelt, hier sei eine beliebig austauschbare Privatfernsehmoderatorin am Werk. Konstantin Graudus(Neil Bennet) spielt den zerknirschten Assistenten Howards, und Michael Bideller(Dr. Irvine) leiht dem Arzt, dersehr gedankenvoll ist und zur Ruhe rät, seine Stimme. In weiteren kleineren Nebenrollen kommen noch Martin May(Yusuf Browning), Kai Henrik Möller(Ean/Security Sicherheitskonferenz), Manuela Bäcker(Sekretärin), Achim Schülke(Pilot), Jens Wendland(Chris), Marc Bargmann(Kellner), Johannes Semm(Selbstmordattentäter), Andreas Birnbaum(Terrorist 1), Carsten Krabbe(Terrorist 2),Alianne Diehl(Krankenschwester), Katja Keßler(Julie), Deborah Mock(Polizistin Flughafen), Benjamin Oechsle(Ajamu/Mike), Johannes Berenz(Craig Austin), Norman Matt(Marcus Calmond), Nicolas König(Nick), Joachim Kretzer(Russell), Marios Gavrilis(Dylan), Olaf Reichmann(Tom), Clemens Gerhard(Charles Bané), Robin Brosch(US-Präsident), Sven Matthias(Scott), Dirk Hardegen(Aufsicht) und Henning Sund(Techniker) zum Einsatz.

Fazit:
Lily Sound ist ein Garant für Hochspannung von der ersten bis zur letzten Minute.

Das Hörspiel Die weisse Lilie - Staffel 2 - Krieg in Boston
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