Rezension: Gruselkabinett - 126 - Kalte Luft

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MonsterAsyl
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Rezension: Gruselkabinett - 126 - Kalte Luft

Beitrag von MonsterAsyl » Mo 02.10.2017, 17:11

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Gruselkabinett - 126 - Kalte Luft

Zum Inhalt:
Auf der Suche nach einer bezahlbaren und sauberen Unterkunft landet der junge Schriftsteller James Russell in einem etwas heruntergekommenen, vierstöckigen Mietshaus. Zu seinem Erstaunen kostet die Wohnung nur 5 Dollar in der Woche, was seine Vermieterin Senora Herrero mit dem Lärm der vorbeifahrenden Straßenbahn begründet. Da seine Wohnung im dritten Stock liegt, einen gepflegten Eindruck macht und sich der Lärm eigentlich in Grenzen hält, willigt Russell ein. Drei Wochen nach seinem Einzug tropft es abends plötzlich von der Zimmerdecke. Zu seinem Erstaunen kennt die von ihm alarmierte Vermieterin sofort die Ursache. Sie erzählt ihm, daß der Mieter der vierten Etage, ein gewisser Dr. Munoz, immer wieder Chemikalien auf dem Boden verschütte, ansonsten aber ein guter Arzt sei. Als Russell einige Tage später einen Herzanfall erleidet, wendet er sich hilfesuchend an den Doktor, nicht ahnend, wie sehr diese Begegnung sein restliches Leben verändern wird...

Zur Produktion:
Der amerikanische Schriftsteller Howard Phillips Lovecraft (20.08.1890-15.03.1937) wird den meisten Hörern in erster Linie aufgrund seiner Geschichten um den Cthulhu-Mythos ein Begriff sein, aber der Autor hat auch Werke verfasst, die entweder gar nichts oder nur sehr wenig mit diesem zu tun haben. Nachdem Titania Medien bereits neun Hörspiele [Gruselkabinett 24 & 25, 39,44 & 45,58, 66 & 67, 78, 90, 100, 114-115] zu Lovecrafts Hauptthema veröffentlicht hat, basiert die neueste Folge auf der ursprünglich im März 1926 geschriebenen und ziemlich exakt zwei Jahre später im Magazin "Tales of Magic and Mystery" veröffentlichten Kurzgeschichte "Cool Air". Sie enthält nur einen einzigen Verweis auf das Cthulhu-Universum, in Form eines sehr vage gehaltenen Satzes. Stattdessen schlägt Lovecraft hier einen anderen Weg ein und verarbeitet seine eigene Sensibilität gegenüber Kälte und physischem Niedergang. Einige Literaturexperten behaupten, daß sich der Schriftseller vor allem durch Edgar Allan Poes Erzählung "Die Fakten im Fall Valdemar" habe inspirieren lassen, die interessanterweise als Gruselkabinett 127 veröffentlicht wird und deren Handlung durchaus gewisse Parallelen erkennen lässt. Lovecraft selbst erklärte allerdings, ihm sei die Idee nach der Lektüre von Arthur Machens Buch "The Novel of the white Powder" gekommen, das sich ebenfalls mit körperlichem Verfall befasst.
Ich freue mich immer, wenn sich Skriptautor Marc Gruppe der großen Herausforderung stellt, ein Werk zu vertonen, welches als schlecht bis gar nicht auf andere Medien übertragbar gilt. Es kam in der Vergangenheit schon vor, daß ich mit Gruppes Interpretation nicht ganz so zufrieden war, aber dieses Mal bin ich mehr als begeistert! Zum einen, weil er der Versuchung widerstanden hat, die recht kurze Handlung mit Fülldialogen unnötig aufzublasen, zum anderen, weil es ihm gelungen ist, die Lovecraftsche Vorlage in einigen Aspekten noch zu übertreffen. Stellvertretend sei hier das Verbrennen der Briefe des Doktors genannt. Während Lovecraft diese Tat bereits sehr früh in das Geschehen einbaut und damit für Verwunderung beim Leser sorgt, denn zu diesem Zeitpunkt ist sie überhaupt noch nicht nachvollziehbar, setzt Gruppe diesen Aspekt ans Ende des Hörspiels, was den logischen Aufbau erheblich verbessert. Um den Ablauf flüssig zu halten, musste er allerdings die Figur der Vermieterin leicht abändern. Während sie bei Lovecraft als unaufdringlich und eher einsilbig beschrieben wird, hat Gruppe ihr hier sehr viel mehr Text gegeben, um dem Hörer die Monologe des Hauptcharakters in Dialogform präsentieren zu können. Damit weicht er zwar etwas von der Quelle ab, doch das kommt dem Hörgenuß sehr zugute. Das Geschehen bleibt durchweg spannend, auch wenn man als aufmerksamer Hörer schnell dahinterkommt, auf welches Finale die Handlung zustrebt. Der Schluß ist auch das Einzige, was ich ein wenig zu bemängeln habe. Während Lovecraft die Geschichte mit der erkärenden Offenbarung des Doktors beendet, (Interessierte können die Geschicht im englischen Original im Internet unter https://en.wikisource.org/wiki/Cool_Air nachlesen), lässt Gruppe James Russell noch einen zusätzlichen Monolog halten. Dieser dauert zwar nicht allzu lange und ist auch effektvoll mit dem dämonischen Lachen des Doktors unterlegt, aber letztlich verwässert er doch das ursprüngliche, meiner Meinug nach effektvollere Ende.
Produktion und Regie durch Stephan Bosenius und Marc Gruppe sind wie gewöhnlich bestechend. Die Sprecher wurden gekonnt geführt und liefern jederzeit nachvollziehbare Portraits ihrer Charaktere. Die einzelnen Szenen sind mit viel Liebe zum Detail gestaltet worden. Gespräche im Treppenhaus hat man z.B. mit Hall verfremdet und Stimmen hinter einer Tür dumpfer klingen lassen. Darüber hinaus haben Bosenius und Gruppe darauf geachtet, daß jeder Handlungsort durch unterschiedliche Geräusche lebendig wirkt. Besonders beeindruckend ist der starke Kontrast zwischen den hektischen Straßen New Yorks und der vergleichsweisen ruhigen Wohnung des Hauptdarstellers, in der man ihn sogar mit der Zeitung rascheln hört. Nicht ganz so überzeugen konnte mich hingegen der Sound, den die Eiswürfel beim Eingießen machen und der mich eher an etwas wie Holzscheite, die ausgeschüttet werden, erinnert hat. Davon abgesehen ist die Geräuschkulisse jedoch makellos.
Da die Handlung im Jahr 1923 angesiedelt ist und man als Hörer mit dieser Zeit hauptsächlich Musik verbindet, die nicht recht zu einem Gruselhörspiel passen will (Jazz und Swing), haben sich Bosenius und Gruppe entschlossen, hier vermehrt auf den Synthesizer zu setzen. So erklingen bereits anfangs düstere, wabernde Töne, welche eine passende Grundstimmung erzeugen. Im Verlaufe des Hörspiels gibt es dann aber auch immer wieder unterschiedlichste Melodien, die mal unterschwellig treibend, mal offensichtlich beruhigend ausfallen und mit einem opulent in Szene gesetzten Stück enden.

Zu den Sprechern:
Timmo Niesner(James Russell) eröffnet das Hörspiel mit einem eindringlich vorgetragenen Monlog, der bereits erahnen lässt, daß der Protagonist in seinem Leben schon einiges mitgemacht hat. Er ist eine ausgezeichnete Besetzung für den jungen Schriftsteller mit gesundheitlichen Problemen. Ob es der ausdrucksvoll gespielte Herzanfall ist oder die Art und Weise, wie er seinen Text regelrecht abgehackt intoniert, um seine Atemlosigkeit und Gehetztheit darzustellen, Niesner bleibt immer absolut perfekt! Auch Monica Bielenstein(Senora Herrero) als herrische Vermieterin mit südländischem Akzent, weiß zu überzeugen, wenn sie sich mal wieder über ihren seltsamen Mieter Doktor Munoz ärgert. In einer Nebenrolle tritt Tom Raczko(Esteban Herrero) als ihr genervter und gegenüber Dritten sehr abweisender Sohn auf, aber sprecherisches Highlight ist für mich ganz klar Peter Weis(Doktor Munoz), als seltsamer alter Kauz mit rauer Stimme. Während er zunächst noch freundlich wirkt, wandelt sich seine Stimme im Verlauf des Geschehens und klingt zunehmend brüchiger und heiserer. Aufgrund dieser Veränderung wirken seine späteren Wutausbrüche noch beeindruckender, da diese einerseits vollkommen unerwartet erfolgen, andererseits mit solcher stimmlicher Kraft vorgetragen werden, daß dem Hörer sofort klar wird, daß dieser Charakter eine geradezu übernatürliche innere Stärke besitzen muss.

Fazit:
Ausgezeichnete Hörspieladaption der literarischen Vorlage.

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