Rezension: Gruselkabinett - 134 - Das älteste Ding der Welt

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MonsterAsyl
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Rezension: Gruselkabinett - 134 - Das älteste Ding der Welt

Beitrag von MonsterAsyl » Mi 11.04.2018, 17:42

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Gruselkabinett - 134 - Das älteste Ding der Welt

Zum Inhalt:
Der junge Harald von Calmus verbringt seine Zeit lieber im nahegelegenen "Pfaffenwäldchen", statt beim Unterricht mit seinem Hauslehrer. Als er eines Nachmittags wieder unterwegs ist, wird er dreimal hintereinander Zeuge von Kämpfen zwischen unterschiedlichen Tieren, die jedesmal mit dem Tod des schwächeren Gegners enden. Das dritte und letzte Blutvergießen findet in der Nähe eines angeblichen "Hünengrabes" statt, welches Harald magisch anzieht. Was dann geschieht, wird sein Leben für immer verändern...

Zur Produktion:
Die literarische Vorlage zu diesem Hörspiel ist eine Novelle des deutschen Schriftstellers Willy Seidel (15.01.1887 - 29.12.1934), die erstmals 1923 in München veröffentlicht wurde. Seidel verfasste bereits während seiner Studienzeit den Abenteurroman "Der Sang der Sakije", der ihm 1914 den staatlichen Auftrag, nach Samoa zu reisen, einbrachte. Seine Aufgabe war es, Material für literarische Kolonialpropaganda zusammenzustellen, doch der Ausbruch des ersten Weltkrieges beendete das Projekt vorzeitig, und Seidel musste in die USA fliehen. Erst 1919 gelang ihm die Rückkehr nach Deutschland, wo er sich Anfang der 1920er Jahre mit dem Okkultismus zu beschäftigen begann. Aus dieser Zeit stammen auch seine phantastischen Romane und Erzählungen, die heutzutage jedoch weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Seidel war ein Kind seiner Zeit, und seine Werke strotzen dementsprechend nur so vor Patriotismus und Vorurteilen gegenüber anderen Völkern. Bei der Machtergreifung durch die Nazis gehörte er dann auch zu denjenigen Autoren, die "das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler" unterschrieben. Zehn Monate später starb Seidel mit nur 47 Jahren an einem Herzanfall.
Um es direkt ganz klar zu sagen: Skriptautor Marc Gruppe hat selbstverständlich sämtliche rassistischen Bemerkungen, von denen die Behauptung, Chinesen würden statt einem "R" immer ein "L" verwenden, noch die harmloseste ist, ersatzlos gestrichen und die nationalistischen Äußerungen stark gekürzt.
Um das Geschehen möglichst wenig ins Stocken geraten zu lassen, wurden auch die ausufernden Landschaftsbeschreibungen Seidels auf ein notwendiges Minimum reduziert. Von diesen vollkommen nachvollziehbaren und für die Handlung irrelevanten Änderungen abgesehen, folgt Gruppe dem Text fast wörtlich. Natürlich wurden einige veraltete Begrifflichkeiten gegen heute gängigere ausgetauscht. "Kanzelton" wird zu "Predigt" "wie weggeblasen" zu "spurlos verschwunden", und statt "Ausbeute" heißt es jetzt etwas neutraler "Abbau". Aber selbst diese sprachlichen Modernisierungen halten sich sehr in Grenzen. Puristen werden sich vielleicht daran stören, daß Marc Gruppe etliche Abläufe, die den Schluß betreffen, beschnitten hat, aber ich finde, daß dies der Atmosphäre zugute kommt und sein "gerafftes" Ende um einiges spannender und dramatischer ausfällt, als in Seidels Version.
Bei aller Begeisterung gibt es aber doch zwei Momente im Hörspiel, die mich ein wenig aus der ansonsten faszinierenden Handlung gerissen haben.
Da wäre zunächst die Szene, in der Dr. Sze Harald den Auftrag gibt, mit den Grabungen zu beginnen. Es folgen ein, zwei weitere kurze Sätze, und danach sagt Harald den Satz mit den Grabungen noch einmal. Das ließe sich zwar mit dem zuvor verabreichten Getränk und einer damit eventuell verbundenen Hypnose erklären, doch dann hätte Harald meiner Meinung nach den Satz sofort und nicht erst später wiederholen müssen. Die andere Sache, die mir nicht gefallen hat, ist der plötzliche und vollkommen unmotivierte Sinneswandel Dr. Szes, aber diese narrative "Schwäche" findet sich bereits in der Vorlage. Wer selbst einen Vergleich zwischen der Novelle und dem Hörspielskript ziehen will, findet sie im Internet, unter anderem hier:
https://readersfriends.files.wordpress. ... r-welt.pdf.
Mit der Inszenierung dieses Hörspiels übertreffen sich Stephan Bosenius und Marc Gruppe mal wieder selbst. Es ist äußerst fraglich, ob die Geschichte auch nur halb so gut funktioniert hätte, wenn sie atmosphärisch weniger dicht aufbereitet worden wäre. So aber gerät der Hörer schon während der Eröffnung in den Sog der Ereignisse, die ihn bis zm Ausklang des 88minütigen Hörspiels nicht mehr loslassen. Jede Szene ist erfüllt von Geräuschen und Tönen, die umgehend ein entsprechendes akustisches "Bild" der Handlungsorte vor dem inneren Auge entstehen lassen, und die grundsätzlich düster gehaltene Musik sorgt für ein zusätzliches Gefühl latenter Bedrohung. Interessanterweise greifen die beiden Produzenten und Regisseure dabei nicht auf die eher zu erwartenden Instrumente wie z.B. Geige und Klavier zurück, stattdessen überwiegen Gitarre, Harfe und "langgezogene" Choräle. Für zusätzliche Beklemmung sorgt ein immer wieder eingespieltes dumpfes Pochen, und spätestens, wenn die Tonhöhe abgesenkt wird, weiß der Hörer, daß sich nun Schreckliches ereignen wird.
Am meisten beeindruckt hat mich jedoch die Art und Weise, wie Bosenius und Gruppe die räumliche und zeitliche Desorientierung Haralds dargestellt haben. Dies geschieht mit Hilfe von lauter und leiser werdenden Einspielungen der noch zusätzlich mit Hall verfremdeten Sprachaufnahmen.

Zu den Sprechern:
Dank seiner sorgfältigen Betonung und ausdrucksstarken Stimme, fügt sich Peter Weis(Erzähler) wunderbar in die Geschichte ein und wirkt wie eine zusätzliche Figur. Louis Friedemann Thiele(Harald von Calmus) gibt das überzeugende Portrait eines jungen Mannes, der bis zum Zeitpunkt der schlimmen Ereignisse sorglos in den Tag lebt. Es ist schon beeindruckend, seinem Wandel von verwundert und neugierig, hin zu wütend und verängstigt beizuwohnen. Lediglich gegen Ende dieser emotionalen "Tour de Force" hat er, meiner Meinung nach, ein paar nicht ganz so gelungen Momente. Horst Naumann(Reichsfreiherr) und Dagmar von Kurmin(Reichsfreifrau) agieren souverän in der Rolle der liebevollen, besorgten Eltern, aber ihre Stimmen empfinde ich als ein wenig zu alt für Vater und Mutter eines erst achtzehnjährigen Sprösslings. Sascha von Zambelly(Hauslehrer), Haralds geplagter Tutor, und Kathryn McMenemy(Magd Mechtild), die verschlafene Hausangestellte, haben zwar nur wenige Sätze, aber ihre kurzen Auftritte bleiben aufgrund der soliden Darstellung trotzdem im Gedächtnis. Ebenfalls sehr gut gefallen hat mir Bodo Primus(Hausarzt) als jovialer Landdoktor. Ich weiß nicht, ob es Primus' Einfall war oder eine Vorgabe der Regisseure, aber ich finde es eine schöne Idee, daß er die letzten Worte seiner Sätze immer wiederholt, da es der Figur eine ganz eigene, beinahe schon komische Note gibt. Matthias Lühn(Dr. Sze) vollbringt eine schauspielerische Glanzleistung mit seiner Gestaltung des geheimnisvollen Chinesen. Anstatt, wie manche seiner Kollegen, in die billige Klischeekiste zu greifen, verändert Lühn einfach nur seine Sprechweise ein wenig und imitiert dabei die Eigenart, mit der viele Asiaten ihre Sätze betonen. Da er seine Stimme, bis auf einen kurzen Moment gegen Ende, nur einmal hebt, ähnelt sein Spiel durchaus Sax Rohmers Schöpfung "Dr. Fu Manchu", und genau wie dieser, bleibt der Doktor das ganze Hörspiel über vollkommen nebulös und nicht einzuordnen. Auch den Kurzauftritt von Rolf Berg(Fabrik-Direktor) als zuvorkommender, ein wenig gierig wirkender Chef der Munitionsfabrik, möchte ich nicht unerwähnt lassen.

Fazit:
Kongeniale Vertonung der Geschichte, mit der Titania eindrucksvoll beweist, daß "Das älteste Ding der Welt" der Ursprung allen Blutvergießens ist.

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