Rezension: Gruselkabinett - 129 - Manor

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Rezension: Gruselkabinett - 129 - Manor

Beitrag von MonsterAsyl » Mi 01.11.2017, 13:10

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Gruselkabinett - 129 - Manor

Zum Inhalt:
Bei einem plötzlich aufkommenden Sturm vor den Faröer Inseln, kentert ein Fischerboot aus Strömö. Der Vater kommt in der rauen See um, doch sein 15jährige Sohn Har wird von dem 19jährigen Manor, einem der Fischer aus Wagö, gerettet. Fortan sind die beiden unezertrennlich und beschließen, zusammen zur See zu fahren. Als eines Tages ein dänischer Walfänger im Hafen einläuft, verlässt Manor mit diesem die Inseln, während Har es nicht übers Herz bringt, seine Mutter allein zu lassen. Ungeduldig erwartet er die Rückkehr des Freundes. Knapp zwei Monate später ist es soweit, das Schiff zerschellt jedoch kurz vor der Küste in einem unvorhersehbaren Sturm an den Klippen, und die Besatzung ertrinkt. Har ist völlig am Boden zerstört, als er nachts plötzlich ein Geräusch vor seinem Fenster hört...

Zur Produktion:
Der Deutsche Karl Heinrich Ulrichs (18.08.1825-14.07.1895), Autor der Geschichte "Manor", dürfte wohl den wenigsten Hörern ein Begriff sein. Ulrichs war in erster Linie als Jurist, Journalist, Verleger, Schriftsteller (wobei er, meines Wissens nach, im Bereich der "Phantastik" nur diesen einen Beitrag veröffentlichte) sowie als Pionier der Sexualwissenschaft tätig und gilt als einer der Vorreiter für die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen. Letzteres ist umso bemerkenswerter, als es zur damaligen Zeit nicht ungefährlich war, sich offen zur gleichgeschlechtlichen Liebe zu bekennen, die regional unter schwerer Strafe stand. Das Wort "homosexuell" existierte übrigens noch nicht, und so sprach Ulrichs stattdessen von "Uranismus", ein Begriff mit im Grunde gleicher Bedeutung. Im Internet gibt es etliche Aufsätze über den Autor, und sein Werk ist ebenfalls frei zugänglich. Das gilt natürlich auch für die diesem Hörspiel zugrundeliegende Novelle aus dem Jahr 1885, welche man beim Projekt Gutenberg (http://www.gutenberg.org/files/35605/35 ... 5605-h.htm) findet.
Auch bei dieser Adaption zeigt Skriptautor Marc Gruppe wieder großen Respekt vor der literarischen Vorlage. Zwar hat er ihre Sprache behutsam modernisiert, indem er die bei Ulrichs z.T. wie abgehackt wirkenden Sätze mit entsprechenden "Füllwörtern" komplettierte, aber die eigentliche Wortwahl beihält er bei. Erneut bewundere ich Herrn Gruppes Talent für die Umwandlung von bildhaften Beschreibungen in hörenswerte Dialoge. Bereits die Eröffnung der Geschichte, die bei Ulrichs einen kleinen Absatz ausmacht, wird hier geradezu perfekt in eine dramatische Spielszene verarbeitet. Die Handlung bleibt durchweg spannend, auch wenn die Stammhörerschaft der Reihe ziemlich schnell dahinterkommen dürfte, daß es sich hier um einen Variation des Blutsauger-Themas handelt. Da Ulrichs mit seiner Geschichte hauptsächlich eine Männerliebe schildern wollte (was damals skandalös war), bot es sich an, diese in einem phantastischen Inhalt quasi zu "verstecken". Schließlich gibt es keine andere Horrorgestalt, die man dermaßen mit Erotik verbindet, wie den Vampir. Dementsprechend bestimmt hier auch mehr die Romantik als der Grusel das Geschehen, innerhalb des Hörspiels am besten verdeutlicht durch das neu eingefügte Wort "lustvoll". Wohl um diesen emotionalen Ablauf nicht allzu sehr zu stören, hat sich Marc Gruppe leider zu einer Kürzung entschlossen, die die Geschichte gleich doppelt "entschärft". Bei Ulrichs schlägt der Wagöer achtmal auf den Pfahl, bei Gruppe nur einmal. Zum einen wird somit der einzige gruselige Schockmoment im ganzen Hörspiel noch weiter verkürzt, zum anderen, und das wiegt für mich sehr viel schwerer, nimmt er damit ein Element heraus, welches Ulrichs scheinbar wichtig war, um seine eigene Situation zu verdeutlichen. Natürlich ist ein Hieb bereits ausreichend, aber gerade deshalb drücken die übertrieben grausamen acht Schläge so viel mehr aus! In diesem Fall stehen sie auch sinnbildlich für den damaligen Ekel bzw. die Ablehnung der "rechtschaffenen" Bürger gegenüber der "widernatürlichen" Kreatur, die mit aller Härte für ihre "Perversion" bestraft werden muss.
Produktion und Regie durch Stephan Bosenius und Marc Gruppe sind auch hier wieder bestechend. Schon bei der Eröffnungszene kann man das durch brechende Wellen, peitschenden Wind und krächzende Möwen akustisch dargestellte Meer fast riechen. Manors Stimme wurde nach seinem "Tod" effektvoll mit Hall unterlegt, und einmal ertönt unvermittelt ein geisterhaftes Raunen. Passend zu der gemütvollen Grundstimmung, sind hauptsächlich ruhige, melodische Stücke zu hören, welche mit klassischen Instrumenten wie Klavier, Geige, Harfe und Flöte intoniert werden. In den dramatischen bzw. unheimlichen Szenen kommt der Synthesizer mit dunklen, langegzogenen Tönen zum Einsatz.

Zu den Sprechern:
Peter Weis(Erzähler) ist wunderbar in seiner Funktion, und dank seiner ausdrucksstarken Stimme und der punktgenauen Betonung, hängt man förmlich an seinen Lippen. Auch wenn sein Auftritt recht kurz ausfällt, gelingt es Thomas Balou Martin(Vater) mit wenigen Sätzen, beim Hörer das Bild eines entschlossenen Seebären entstehen zu lassen. Monica Bielenstein(Lära) liefert ein überzeugendes Portrait einer Fischersfrau, die alles für ihren Sohn tun würde und deren Sorgen und Kummer nicht aufhören wollen. Aber am besten hat mir Hauptdarsteller Tom Raczko(Har) mit seiner Darstellung des 15jährigen Jünglings gefallen. Dem einen oder anderen mag seine Stimme vielleicht einen Hauch zu alt erscheinen, aber ich finde ihn genau richtig. Es glückt ihm, allein mit seinem emotionalen Spiel, die tief empfunden Liebe zu Manor auszudrücken, ohne daß er das Wort auch nur einmal gebrauchen muss. Louis Friedemann Thiele(Manor) als hilfsbereiter 19jähriger, der ein großes Interesse an Har hat, ist mindestens genauso gut wie sein Freund. Während ihn seine jugendliche Begeisterung zunächst sehr sympathisch erscheinen lässt, klingt sein späteres Geflüster eher beängstigend. Timmo Niesner(Fischer) als mitleidiger, über Hars heftige Reaktion leicht verwunderter Fischer, ist genauso überzeugend wie Dagmar von Kurmin(Weise Frau) als kundige, besorgte Gelehrte, die weiß, was zu tun ist. Horst Naumanns(Dorfältester) brummige Stimme passt hervorragend zu seiner Figur des entschlossenen Dorfvorstehers, und sein Wagöer "Pendant" Helmut Winkelmann(Ein Wagöer) übertrifft ihn beinahe noch, da er viel Grimm und Härte in seine Stimme legt. Rolf Berg(Axtmann) tritt ganz kurz als leicht genervter, aber letztlich mit seiner Arbeit zufriedener Handwerker auf.

Fazit:
Eine ungewöhnliche Variation innerhalb der Schauerromantik, sehr gefühlvoll umgesetzt.

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Keeper of the Monsters

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