Rezension: Die Fakten im Fall Valdemar

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MonsterAsyl
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Rezension: Die Fakten im Fall Valdemar

Beitrag von MonsterAsyl » Mo 02.10.2017, 17:12

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Gruselkabinett - 127 - Die Fakten im Fall Valdemar

Zum Inhalt:
Bei seinen Nachforschungen auf den Gebieten des Hypnotismus und des Mesmerismus stellt Dr. Pelham fest, daß offensichtlich noch nie ein Mensch im Augenblick des Todes hypnotisiert worden ist. Diese wissenschaftliche Lücke möchte er unbedingt schließen, und sein schon lange unheilbar an Schwindsucht erkrankter Freund Ernest Valdemar wäre dafür der perfekte Kandidat. Zwar hält dieser nichts von den Forschungen des Doktors, willigt aber zu dessen Überraschung dennoch in das Experiment ein. Als er sein baldiges Ende herannahen fühlt, möchte Ernest aber sicherheitshalber sein Gewissen erleichtern und beichtet Dr. Pelham eine grauenvolle Tat...

Zur Produktion:
Noch heute gelten die Gruselgeschichten des amerikanischen Autors Edgar Allan Poe (19.01.1809-07.10.1849) zurecht mit als die wichtigsten Werke dieses Genres. "The Facts in the Case of M. Valdemar", so der englische Originaltitel der im Jahr 1845 erschienenen Short Story, ist, nach Gruselkabinett 11,46 und 111, bereits die vierte Hörspieladaption innerhalb der Reihe. Genau wie bei der letzten Poe-Vertonung, verknüpft Skriptautor Marc Gruppe auch hier wieder zwei Geschichten, eben besagten "Case of M. Valdemar" und "The Tell Tale Heart" ("Das verräterische Herz") von 1843, zu einer. Ob es unbedingt dieser Inklusion bedurft hätte, lasse ich mal dahingestellt. Fakt ist allerdings, daß das "Herz" und eigentlich auch "Valdemar" für sich genommen einfach etwas zu kurz wären, um sie einzeln zu veröffentlichen. Das Ergebnis lässt sich jedenfalls hören, und ich kann Marc Gruppe nur zu dieser für mich sehr gelungenen Fusion gratulieren!
Geschickt nutzt er einen Punkt in Poes Geschichte, an dem die beiden Hauptcharaktere Dr. Pelham und Ernest Valdemar allein im Zimmer sind und lässt Valdemar von Track 11 bis 22 die zweite Erzählung "beichten". Während Poes Protagonisten namenlos bleiben und er lediglich deren Anfangsbuchstaben nennt (zB. Dr. P--) hat Gruppe diesen vollständige, passend ausgesuchte Namen gegeben. Überflüssige Figuren, wie den männlichen Pfleger, den Medizinstudenten oder den zweiten Doktor (Dr. D--) konnte er getrost fallenlassen, da sie weder zur Handlung beitragen noch etwas sagen.
Davon abgesehen hat Gruppe keine größeren Änderungen vorgenommen. Die Nachricht an den Doktor ist etwas ausführlicher, und natürlich musste er einige neue Monolge bzw. Dialoge für den Übergang von einer Geschichte in die nächste verfassen, aber diese sind so im Ton von Poe gehalten, daß sie perfekt mit dem Rest harmonieren. Besonders gefreut hat mich die Abwandlung des Satzes "...ich nun den Punkt erreicht habe, an dem jeder Leser..." in "...ich nun den Punkt erreicht habe, an dem jeder Hörer...", ein klares Tribut an das hier gewählte Medium!
Nebenbei bemerkt: Wer die Geschichten im englischen Original nachlesen möchte (im Internet zu finden unter https://en.wikisource.org/wiki/Amazing_ ... ._Valdemar und https://en.wikisource.org/wiki/Mystery_ ... Tale_Heart), wird feststellen, daß sich Künstler Ertugrul Edirne für dieses Cover offensichtlich von einer zeitgenössischen Illustration hat "inspirieren" lassen.
Sollte nun jemand tatsächlich glauben, solche alten Geschichten könnten den Hörer von heute nicht mehr beeindrucken, so wird er von Titania eines Besseren belehrt. Poes Beschreibungen von Valdemars Gesicht fallen beispielsweise dermaßen plastisch aus, daß ich mich eines leichten Ekels nicht erwehren konnte.
Um solche Gefühle auszulösen, bedarf es natürlich, abgesehen von der Geschichte, auch einer sorgfältigen Regie und Produktion. Daß beides gegeben ist, dafür sorgen die Labelchefs Stephan Bosenius und Marc Gruppe. Im Gegensatz zur letzten Folge, herrschen hier auch wieder die klassischen Instrumente wie Geige oder Klavier vor, allerdings kommt auch der Synthesizer zum Einsatz. Neben schaurig anmutenden Elektrotönen, sorgen noch ein längerer Choral oder ein Geigenbogenstreich für zusätzliche Gruselatmosphäre. Die Schauplätze werden mit einer Vielzahl von Geräuschen sehr passend untermalt. Hier seien die tickende Standuhr, die knarrende Tür, die quietschenden Fensterscharniere oder das bedrohliche Donnergrollen genannt. Letzteres wird übrigens im Lauf der Szene immer lauter eingespielt, um die Annäherung an das Haus auch akustisch darzustellen.

Zu den Sprechern:
Einmal mehr muss ich Titanias Talent bei der Sprecherauswahl hervorheben. Auch dieses Mal ist es ihnen wieder gelungen, bestens geeignete Sprecher für die jeweiligen Rollen zu finden. Schon die heiser klingende Stimme von Helmut Winkelmann(Dr. Pelham) als Erzähler und Schlüsselfigur, versetzt den Hörer in die passende Stimmung. Winkelmann liefert ein angemessenes Portrait des entschlossenen Forschers, bei dem letzlich doch die moralischen Bedenken die wissenschaftliche Neugier überwiegen. So gut er auch agiert, Rolf Berg(Ernest Valdemar) als dem Tode geweihter Bibliothekar und Schriftsteller mit düsterem Geheimnis, stiehlt ihm trotzdem die Schau. Die sprecherische Leistung, die dieser Mann hier erbringt, ist einfach unglaublich. Von Anfang an gelingt es ihm, allein durch ein wenig Husten oder Keuchen, ein glaubhaftes Portrait seines Charakters zu liefern. Während er dabei zunächst eher Mitleid erweckt, ändert sich das jedoch bald, als er seine Geschichte zu erzählen beginnt. Die Art und Weise, wie er sich auch akustisch immer weiter in die Erinnerungen hineinsteigert, wirkt beängstigend real und lässt jedes Mitgefühl verschwinden. Hut ab vor dieser brillianten Darstellung und sprechertechnischen "Tour de Force". Beinahe ebenso viel Freude machen Tom Raczko(Dr. Ferrier) als junger, freundlicher Hausarzt, dessen Nerven den Ereignissen auf Dauer nicht standhalten, und der kurze, aber prägnante Auftritt von Dagmar von Kurmin(Pflegerin) als leicht patzige, ältere Krankenschwester. Der Part von Louis Friedemann Thiele(Junger Valdemar) als geistig verwirrter, heimtückischer Heuchler, den seine schreckliche Tat geradezu euphorisch werden lässt, ist mindestens ebenso beachtenswert, wie das sprecherische "Urgestein" Peter Weis(Alter Mann) der den freundlichen, völlig arglosen Herrn mit dünner Stimme spricht. In einer kleinen Nebenrolle bekommt man noch Lutz Reichert(Polizist) als zunächst etwas zögerlichen Ordnungshüter, den die übertriebene Fröhlichkeit des jungen Mannes stutzig macht, zu hören.

Fazit:
Zwei von Poes beeindruckendsten Geschichten optimal umgesetzt.

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