Rezension: Gruselkabinett - 120 & 121 - Der Unsichtbare

Neongrüne Riesenspinnen jagen Frankensteins Monster durch Draculas Schloß!
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Rezension: Gruselkabinett - 120 & 121 - Der Unsichtbare

Beitrag von MonsterAsyl » So 04.06.2017, 09:55

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Gruselkabinett - 120 & 121 - Der Unsichtbare

Zum Inhalt:
Im Winter 1896 taucht in dem kleinen englischen Dorf Iping ein geheimnisvoller Mann mit bandagiertem Kopf auf. Dieser bezieht ein Zimmer im Gasthof, und die Dorfbewohner staunen nicht schlecht über sein ungewöhnliches Gepäck, welches lediglich die Ausrüstung für ein Labor enthält. Da er sehr zurückgezogen lebt und nur abends sein Zimmer verlässt, wird er schnell zum Gesprächsthema.
Man munkelt allerlei, aber niemand weiß, was es wirklich mit dem unheimlichen Fremden auf sich hat. Nachdem der Pfarrer bestohlen wird, fällt der Verdacht natürlich sofort auf den "Neuen" im Dorf.
Doch als ihn seine misstrauische Wirtin zur Rede stellt, verschwindet der Mann auf unerklärliche Weise...

Zur Produktion:
Mit der Vertonung von Herbert Goerge Wells'(21.09.1866-13.08.1946) "The invisible Man", so der englische Originaltitel, eröffnet das Label Titania-Medien seine kleine Reihe von Audio-Adaptionen des berühmten britischen Autors. Der Roman ist 1897, ursprünglich als Fortsetzungesgeschichte, in dem britischen Magazin "Pearson's Weekly" erschienen und wurde noch im selben Jahr auch als Buch veröffentlicht. Obwohl es mittlerweile bereits unzählige Verfilmungen gibt, die erste stammt aus dem Jahr 1933, ist dieses Buch erst 2001 für das amerikanische Radio vertont worden, eine deutsche Hörspielfassung gab es bisher nicht. Das hat sich nun, dank Titania-Medien, geändert. Um der literarischen Vorlage gerecht zu werden, haben die Produzenten beschlossen, die Handlung auf zwei Folgen zu verteilen. Das macht einerseits Sinn, da der Roman gut 240 Seiten umfasst und zeugt andererseits von der Achtung, die Marc Gruppe und Stephan Bosenius gegenüber Wells' Buch empfinden. Übrigens mag sich so mancher, der die Geschichte im Internet gelesen hat (zu finden unter http://www.gutenberg.org/files/5230/5230-h/5230-h.htm) darüber gewundert haben, daß Wells seinen Roman mit "A grotesque Romance" untertitelte. Schliesslich gibt es weder im Buch noch hier im Hörspiel eine, wie auch immer geartete, Liebesgeschichte. Diese "Verwirrung" entsteht durch den im Laufe der Jahre veränderten Sprachgebrauch des Wortes "Romance", welches zum Ende des 19 Jahrhunderts noch mit "Abenteuer" gleichgesetzt wurde. Anders als bei seinen übrigen Werken, wie beispielsweise "Die Zeitmaschine" oder "Krieg der Welten", die aus der "Ich-Perspektive" erzählt werden, nutzt Wells hier den Blickpunkt einer dritten Person. Diesem Umstand trägt auch Skriptautor Marc Gruppe mit der Inklusion eines "Erzählers" Rechung. Das bedeutet jedoch nicht, daß das Hörspiel deshalb besonders "erzähllastig" ist - im Gegenteil! Gruppe setzt den Erzähler so sparsam wie möglich ein. Nachdem ich das Ganze gehört habe, komme ich allerdings zu dem Schluß, das man diesen eigentlich ganz hätte weglassen können. Wells "brauchte" die Erzähler-Perspektive, um Ereignisse, die gleichzeitig stattfinden, zu schildern. Da Marc Gruppe die Handlung aber chronologisch ablaufen lässt, ist dieser Part redundant, denn die Passagen hätten auch als innerer Monolog bzw. Gedanken inszeniert werden können.
Trotz der üppig bemessenen Laufzeit von insgesamt ca. 128 Minuten, sah sich der Skriptautor gezwungen, Kürzungen vorzunehmen. Diese betreffen aber vor allem den Erzählanteil, also die Textstellen, in denen die Umgebung beschrieben oder berichtet wird, was andernorts geschieht, und fallen deshalb nicht weiter ins Gewicht. Um die Handlung möglichst Hörspiel-gerecht zu gestalten, hat Gruppe diverse Teile, wie beispielsweise Griffins Bericht über die Ereignisse in seiner Wohnung, in Spielszenen umgewandelt. Da es sich hier ja eigentlich um einen SF-Roman handelt, der innerhalb einer "Gruselreihe" erscheint, ist es schon ein wenig verwunderlich, daß man sich entschlossen hat, ausgerechnet die Stellen herauszunehmen, in denen ein schauriges Gefühl aufkommen könnte.
So fehlt nicht nur der brutale Mord an Wicksteed, auch das Ende wurde völlig verändert und entschärft. Zwar kommt Griffin auch hier recht bestialisch zu Tode, aber sein Ende im Buch, bei dem er erschlagen wird wie ein toller Hund, fällt ungleich grausamer aus. Apropos Hund. Gruppes Idee, den Hund "Timmy" zu nennen, ist eine nette Homage an eine bekannte Jugendserie. Ich bedaure zutiefst, daß Gruppe sich hier nicht dichter an den Grundtext gehalten und den Schluß dermaßen verkürzt hat. Zumal dies aus rein technischer Sicht gar nicht notwendig gewesen wäre, denn es ist noch genug Platz auf der CD frei. Auf diese Weise wurde die Chance vertan, auch den Grusel- und Horrofreunden gerechtzuwerden. So ist das Ergebnis zwar immer noch eine aufregende Geschichte, die zumindest ich gern bis zum Schluß verfolgt habe, aber es bleibt das Gefühl, daß da noch etliches mehr drin gewesen wäre.
Eine solche Geschichte akustisch umzusetzen, ist schon eine echte Herausforderung, schließlich kann man nicht mit Bildern arbeiten, um Gegenstände wie von Geisterhand zu bewegen oder ähnliches. Der Erzähleranteil sollte auch nicht zu groß sein, da der Hörer ansonsten zu sehr aus der Handlung gerissen wird. Ich finde, die beiden Produzenten und Regisseure Stephan Bosenius und Marc Gruppe haben diese Aufgabe souverän gemeistert. So erklingt beispielsweise Griffins Stimme von unterschiedlichen Seiten, um seine Bewegung innerhalb des Raumes zu verdeutlichen. Geräusche von Gegenständen, welche auf die Protagonisten zufliegen, werden unvermittelt eingespielt. Überhaupt lässt die Soundkulisse keine Wünsche offen. Zu Beginn des Hörspiels sind sämtliche Szenen durchgehend mit einem pfeifenden Wind unterlegt, um den Hörer daran zu erinnern, daß gerade Winter herrscht, während die letzten Sequenzen mit einem leichten Nieselregen untermalt werden, da die Geschichte bis in den Frühling fortdauert. Natürlich wird jede Szene auch noch mit weiteren Tönen zum Leben erweckt. Neben quietschenden und knarrenden Türen, blubbernden Tinkturen, krächzenden Möwen und Vogelgezwitscher, darf natürlich auch das "Maskottchen" des Labels, das rufende Käuzchen, nicht fehlen. Besonders bemerkenswert finde ich die Tatsache, daß selbst auf so kleine Geräusche, wie das Klappern des Bestecks geachtet worden ist. Lediglich die Schussgeräusche wirken nicht so gelungen, sondern klingen zu "flach". Die musikalische Begleitung ist dem dramatischen Geschehen angepasst, daher wirken alle Melodien düster und bewegend. Vor allem das letzte Stück mit dem Choral ist in Anbetracht der vorangegangenen Ereignisse mehr als ergreifend. Selbstverständlich kommen auch diverse Effekt zum Einsatz, von denen mich einer ausnehmend beeindruckt hat. Als die Protagonisten vor die Tür treten, "öffnet" sich ein ganzes Soundspektrum, und man erlebt sofort das Gefühl von Weite.

Zu den Sprechern:
Die etwas älter klingende Stimme von Sascha von Zambelly(Erzähler) passt seht gut auf den Part, und seine Betonung ist punktgenau, allerdings war mir sein Vortrag insgesamt ein wenig zu emotionslos. Schon mit seinem ersten Auftritt gelingt es Hauptdarsteller Simon Böer(Griffin), umgehend das Bild eines getriebenen, ehrgeizigen Mannes zu entwerfen. Während er anfangs das Geschehen allein durch Schroffheiten dominiert, die man noch entschuldigen könnte, ist es sein Verhalten nach der Enttarnung, das dem Hörer Schauer über den Rücken jagt. Völlig ungerührt berichtet er vom Tod des Vaters, an dem er Schuld hatte, und seine Skrupellosigkeit wird nur noch von seiner Verachtung gegenüber der Menschheit übertroffen. Böer gelingt eine ungeheuer intensive Darstellung des stetigen geistigen Verfalls, und dieser Leistung ist es zu verdanken, daß sein letzter Amoklauf, der starke Assoziationen mit Jack Nicholson in "Shining" auslöst, nicht ins Lächerliche abgleitet. Marianne Mosa(Janny Hall) ist klasse als geldgierige Wirtin, die das Verhalten ihres neuen Mieters zunächst irritiert und dann pikiert, und auch Matthias Lühn(George Hall) als leicht genervter Ehemann und jovialer Wirt, kann restlos überzeugen. Großes Kompliment auch an Philine Peters-Arnolds(Millie), die es allein mit ihrer Stimmlage schafft, ihrer Rolle als Schankkraft einen geistig eingeschränkten Horizont zu verleihen. Claus Thull-Emden(Teddy Henfrey) glänzt in seinem Part des hilfsbereiten, durch Griffins grobe Art hörbar aufgebrachten Uhrmachers, und das gilt auch für Lutz Riedel(Dr. Cuss), der den intelligenten Dorfarzt spielt, der als Erster die drohende Gefahr erkennt. Ebenfalls mit viel Spielfreude dabei, sind Horst Naumann(Vicar Bunting) und Eva-Maria Werth(Mrs. Bunting) als Pastorenehepaar. Naumann ist die Verkörperung des Klischees vom beruhigenden, immer gesetzten Landgeistlichen und Werth die der ängstlich flüsternden Gattin. Lutz Reichert(Constable Jaffers) leiht seine Stime dem völlig überforderten, beinahe hysterischen Polizeibeamten, während Louis Friedemann Thiele(Matrose) den freundlichen und sympathischen jungen Seemann spricht. Bodo Primus(Thomas Marvel) als angetrunkener, gegenüber Griffin unterwürfiger Landstreicher, ist eine ebenso passende Besetzung, wie Michael-Che Koch(Dr. Kemp) als junger Gelehrter, der seine Hilfe erst dann einstellt, als er erkennt, was für ein wahnsinniges Monster sein ehemaliger Studienkollege geworden ist. Rainer Gerlach(Wirt) besticht mit seinem Portrait des gemütlichen, aber couragierten Kneipiers und Daniela Reidies(Sally) mit ihrer Darstellung der freundlichen, ein wenig verwunderten Haushälterin. Zum Schmunzeln gebracht hat mich die zwischen Keifen und Jammern alterniernden Art und Weise, wie Sabina Trooger(Nachbarin) die ältere Katzenliebhaberin spricht, da ich mich unwillkürlich an die verrückte "Katzenlady" aus den "Simpsons" erinnert fühlte. In weiteren Nebenrollen treten noch Hans Bayer(Hauswirt) als konsternierter, verärgerter Vermieter und Rolf Berg(Oberst Adye) als entschlossener Offizier auf.

Fazit:
Unterm Strich eine zufriedenstellende Inszenierung, die allerdings weit harmloser ausfällt, als es der Roman erlaubt hätte.

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