Rezension: Die Zeitmaschine (1 & 2)

Commander Perkins, Perry Rhodan und andere Weltraumrecken geben sich hier die Ehre.
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MonsterAsyl
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Rezension: Die Zeitmaschine (1 & 2)

Beitrag von MonsterAsyl » Di 03.10.2017, 14:27

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Die Zeitmaschine Teil 1 & 2

Zum Inhalt:
London, in den 1970er Jahren: Der Physiker Jack Milton behauptet gegenüber seinen Freunden, er habe eine Maschine erfunden, mit der man durch die Zeit reisen könne. Natürlich sind alle Anwesenden mehr als skeptisch und geben ihm 6 Tage Zeit, um seine Behauptung zu beweisen. Als die Freunde zum verabredeten Zeitpunkt wieder in seinem Haus eintreffen, fehlt von ihrem Gastgeber jede Spur, doch dann geht plötzlich die Tür auf, und Milton stolpert mit zerfetzter Kleidung in den Raum...

Zur Produktion:
Mit "Die Zeitmaschine" startet das Label Imaga, in Zusammenarbeit mit Folgenreich, eine neue Reihe von Hörspielen nach den Werken von H.G. Wells (21.09.1866-13.08.1946). Im Booklet sind bereits die nächsten Titel "Das Imperium der Ameisen" und "Der Krieg der Welten" abgebildet, und Co-Produzent Oliver Döring hat bereits angekündigt, daß im nächsten Jahr wahrscheinlich noch weitere Titel kommen werden.
Doch zurück zur Zeitmaschine. Es ist ja erst kürzlich ein Hörspiel erschienen, welches ebenfalls auf Wells' berühmtem Roman basiert, und der eine oder andere Hörer wird sich nun fragen, ob er überhaupt erneut das Geld für "dieselbe Geschichte" ausgeben soll. Nun, das dürfte letztlich eine Geschmacks- und Geldbeutelfrage sein. Während sich die vorangegangene Adaption sehr stark am Buch orientiert und somit hauptsächlich Puristen zufriedenstellt, wählt Skriptautor Oliver Döring einen ganz anderen Ansatz. Zwar sind auch bei ihm alle "Eckpunkte" des Romans, von der Blume, die der Zeitreisende mitbringt, bis hin zur Reise ans Ende der Zeit, vorhanden, und auch der grobe Handlungsablauf ist ähnlich, aber ansonsten handelt es sich hier um ein komplett anderes Hörspiel.
Die Unterschiede sind dermaßen vielfältig, daß sich ein Vergleich mit dem Roman von selbst verbietet. Daß Döring den Handlungszeitpunkt von den 1890er Jahren in die die 1970er verschiebt, bedeutet zwar eine bemerkenswerte Änderung, passt aber erstaunlich gut zu der Geschichte, denn zu dieser Zeit war vieles, gerade aus technischer Sicht, im Umbruch. So staunte die Menschheit über die Concorde als schnellstes Flugzeug der Welt, die ersten PCs kamen auf den Markt, und es drohte der Ausbruch des dritten Weltkrieges. Von dem Atomunfall in Harrisburg ganz zu schweigen!
Die Eröffnung des Hörspiels, bei der Döring seinen Hauptdarsteller kurz in die "Zeitmaschine"-Verfilmung aus dem Jahr 1960 zappen lässt, ist einerseits als Verbeugung gegenüber der Popkultur und andererseits als liebevolle Hommage an den Kinoklassiker zu sehen. Apropos Huldigung. Coverdesignerin Michaela Ollesch hat sich für das Cover der ersten CD augenscheinlich von dem SF-Stummfilm "Metropolis" inspirieren lassen. Wer den Film gesehen hat, wird das Motiv des Arbeiters an der "Zeituhr" wiedererkennen.
Wie schon erwähnt, folgt die Handlung in groben Zügen Wells' Vorlage, wobei der Skriptautor es vernünftigerweise vermeidet, die Zeitmaschine näher zu beschreiben, denn dadurch kann sie sich jeder so vorstellen, wie es ihm am besten gefällt.
Im Rahmen seiner inhaltlichen "Modernisierung", lässt Döring den Zeitreisenden einen Kassettenrekorder zu Aufzeichnungszwecken mitnehmen, was Imaga die Möglichkeit bietet, zwischen Tonband- und "Live"-Aufnahmen hin und her zu wechseln.
Da man sich entschlossen hat, das Hörspiel auf zwei CDs zu veröffentlichen, fällt die eigentliche Zeitreise sehr detailliert aus, und Döring nutzt die Gelegenheit, um verschiedene Halteorte und Epochen ansprechend zu vermitteln. Höhepunkt ist natürlich der Aufenthalt bei den Eloi und Morlocks im Jahr 802701, der ausführlich, aber nie langweilig präsentiert wird. Ich denke, man kann mit Fug und Recht behaupten, daß hier auch diejenigen Hörer auf ihre Kosten kommen, welche die Geschichte eigentlich schon in und auswendig kennen.
Bedingt durch seine Arbeit an einer bekannten Geisterjäger-Serie, bei der Action und akustische Effekte vorherrschen, gerät man möglicherweise zu schnell in Versuchung, Oliver Döring, der nicht nur für das Buch, den Schnitt und die Regie verantwortlich ist, sondern auch zusammen mit Alex Stelkens als Produzent agiert, in die Schublade "viel Spektakel" zu packen.
Hier gibt es ebenfalls zwei Szenen, in denen die Hörer mit lauten Effekten erschreckt werden, doch diese sind kurz und knapp gehalten. Ansonsten wird das Geschehen eher unaufgeregt, aber dennoch stets pointiert vermittelt. Die musikalische Untermalung ist extrem abwechslungsreich gestaltet. Mal ertönt eine ruhige, fast sanfte Weise, dann wieder erklingen treibende Rhythmen, alles immer perfekt auf die Handlung abgestimmt. Genauso variantenreich wie die Musik, ist auch die Auswahl der Instrumente. So wechseln sich Streichinstrumente, Harfe und Klavier mit Chorälen und sphärischen Synthesizertönen ab. Besonders beeindruckend finde ich die dichte Geräuschkulisse, welche in jeder Szene eingespielt wird. Zu Beginn sind es eher vertraute Klänge, wie tickende Uhren, das Schaben von Kreide auf einer Tafel oder fröhliches Vogelgezwitscher, die im weiteren Verlauf durch eher ungewohnte Laute, wie die fremdartigen Urwaldgeräusche der Zukunft, die Phantasiesprache der Elois oder das Summen der Zeitmaschine ersetzt werden.
Produktionstechnisches Highlight sind aber die sorgfältig eingesetzten Effekte, für die Oliver Döring zu Recht bekannt ist. So eröffnet er beispielsweise das Hörspiel mit unterschiedlich tickenden Uhren, die beinahe bis zur Schmerzgrenze laut werden. Besser kann man meiner Meinung nach nicht in die Materie einsteigen!
Neben den wirkungsvollen Schocksequenzen, die ich nicht näher beschreiben möchte, um nicht vorab zuviel zu verraten, sind es vor allem die unauffälligen kleinen Dinge, auf die geachtet wurde, um größtmögliche Authentizität zu erzielen. So sind die MC-Aufnahmen mit dem für ein Band typischen Rauschen unterlegt, und bei dem Museumsbesuch die Stimmen mit Hall versehen worden. Unbedingt erwähnen möchte ich in diesem Zusammenhang noch den akustischen Kontrast zwischen dem engen, schon fast steril wirkenden Zimmer des Zeitreisenden auf der einen Seite und der offenen, vielfältigen Klangwelt der Zukunft auf der anderen.

Zu den Sprechern:
Genauso feinfühlig und liebevoll wie schon bei der Produktion, ist man auch bei der Auswahl der Sprecher vorgegangen und hat selbst kleinste Rollen prominent besetzt. Etwas schade finde ich allerdings, daß im Booklet nur fünf der über 20 Sprecher auch ihren Rollen zugeordnet und diese dann lediglich mit Vor- oder Nachnamen aufgeführt werden. Wie die vollen Namen lauten, erfährt man nur ganz nebenbei. Hauptdarsteller Hans-Georg Panczak(Jack) ist gleichzeitig auch mein sprecherisches Highlight. Da hier kein Erzähler eingesetzt wird, ist Panczak gezwungen, einiges an innerem Monlog abzuhalten, um den Hörer ausreichend über das Geschehen zu informieren. Diesen spricht er so natürlich, daß es kaum auffällt, geschweige denn stört. Überhaupt "lebt" Panzcak seine Rolle als sympathischer Wissenschaftler förmlich, und es ist u.a. seinem intensiven, glaubwürdigen Spiel zu verdanken, daß man "Jacks" Erlebnisse so gespannt verfolgt. Bernd Rumpf(Cabbs) verkörpert den skeptischen, aber interessierten Freund des Physikers, während Udo Schenk(Peter) den zweiten Freund, der Wells' "Philby" nachempfunden ist, mit Besorgnis in der Stimme intoniert. Die ältere, leicht reservierte, gestrenge Haushälterin wird von Susanna Bonaséwicz(Mrs. Watchett) dargestellt. Luisa Wietzorek(Weena) gelingt es, mit ihrer weichen Aussprache wie eine naive, noch sehr kindlich anmutende junge Frau zu wirken. Weiterere Nebenrollen, wie zwei erstaunte Passanten, zwei verwirrte Ordnungshüter, die Eloi, das Hologramm oder die Morlocks, wurden von Alexander Doering, Sascha Rotermund, Peter Groeger, Roland Wolf, Asad Schwarz, Nico Sablik, Jaron Löwenberg, Christina Puciata, Hans Bayer, Berenice Weichert, Marieke Oeffinger, Matthis Schmidt-Foß, Antje von der Ahe, Marianne Groß, Maximiliane Häcke, Juliane Ahlemeier, Marcus Staiger und Annika Gausche portraitiert. Joachim Kerzel spricht die Ansage.

Fazit:
Hörerlebnis der Extraklasse mit absoluter Kaufempfehlung!

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