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Elite
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Der Trafikant - Buchrezension

Beitrag von Elite » Mo 18.07.2016, 07:56

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Der Trafikant ist ein Versuch das Leben in einer Zeit zu verstehen, in der es noch schwerer ist als sonst

Mein Schädel geht noch so, wie er selber will Ich tanz nicht mit auf eurer Veranstaltung. Ich pflanz mir kein Hakenkreuz hinters Revers [...], ich treib mich nicht im Dunkeln auf dem Trottoir herum, um unschuldige Häuser mit Arschgesichtern vollzuschmieren, ich schweige nicht, und an meinen Händen klebt kein Blut, sondern allerhöchstens Druckerschwärze. (Otto Trsnjeks - Der Trafikant)

Mit diesen Worten versucht der Trafikanteigentümer Otto Trsnjek den Wahnsinn in Worte zu fassen, der sich allmählich in Wien in den späten 30er Jahren ausbreitet. In all diesen Irrungen und Wirrungen fand jedoch der 17-jährige Franz Huchel seinen Weg von Nußdorf am See aus dem österreichischen Salzkammergut, um in Wien beim besagten Otto T. eine Ausbildung zum Trafikanten anzutreten. Zunächst erschlagen von den ganzen Eindrücken aus dem Alltag der Großstadt, gewöhnt sich Franz zunächst langsam an das Leben in Wien. Nach und nach lernt der naive Junge die Liebe von all ihren Seiten kennen, vor allem aber auch ihre unangenehmeren Seiten. Wie gut es sich da trifft, dass der sogenannte "Deppendoktor" Siegmund Freud Stammkunde in Trsnjeks Trafik ist. Mit seiner naiven und direkten Art schafft es Franz mit der Zeit eine Beziehung zu Freud aufzubauen, der ihn nicht nur belehrt, sondern auch mit ihm zusammen übers Leben sinniert. Dies macht er jedoch nur so lange, bis sich die Situation in Wien durch Österreichs Annektierung seitens Deutschlands so sehr zuspitzt, dass es für politische Antagonisten der Nazis, sowie für Juden, wie Freud es nun einmal war, äußerst gefährlich wird.

Die Stärke des Romans sind eindeutig seine wandlungsfähige Handlung und die authentische Darstellung des österreichischen Arbeits- und Alltagslebens der 30er Jahre. Höchst interessant ist es, dass man als Protagonisten den noch jungen Franz Huchel hat und keinen politischen Aktivisten, durch dessen Augen einem die Ereignisse und der politische Wandel ausführlicher dargelegt worden wären. Auf diese Weise kommt einem die Bedrohung des aufkeimenden Nationalsozialismus umso beunruhigender vor. Zunächst tauchen die ersten Anzeichen nämlich nur am Rande auf, beginnend mit Bemerkungen und Schmierereien bis sich das Ganze schließlich bis zu den menschenverachtenden Deportationen kulminiert. Der Fokus wird nicht nur auf die Juden allein gelegt wird, sondern schließt jedwede politischen Oppositionellen der Nazis mit ein. Dies muss auch Franz am eigenen Leib erfahren. Zunächst, nachdem er versucht hat seinen Chef Otto Trsnjek aus der Untersuchungshaft zu befreien und am Ende der Geschichte. Dabei ist Franz doch schon mit der Liebe zur unsteten Böhmin Anezka ohnehin schon ungemein überfordert, weswegen er Dr. Freud regelmäßig konsultiert. Der gediegene Professor ist mit der Zeit sehr fasziniert vom jungen Franz, weil "in diesem jungen Mann [...] das frische, kraftvolle und obendrein noch ziemlich unbedarfte Leben [pulsierte]". Doch auch diese Freundschaft wird mit der Zeit von der Ideologie des Nationalsozialismus förmlich überrannt, da Freud als Jude ins Exil flüchten muss. Von allen allein gelassen, auch von seiner geliebten Anezka, die sich, wie sich herausstellt, auf ihren Vorteil bedacht inzwischen einem SS-Offizier hingegeben hat, bleibt Franz nur noch der Briefkontakt zu seiner Mutter, die ihm aus der Heimat gut zuspricht, und zuletzt die Trafik.

Der Trafikant ist eine Geschichte, die nicht nur das Zeitkolorit der 30er Jahre in Österreich authentisch einzufangen vermag, sondern auch zeigt, dass ein wachsender Intellekt das Leben zwar reicher und facettenreicher machen, aber dafür auch umso komplizierter. Franz hat dies leider zu spät erkannt. Er hat zwar eine beachtliche Entwicklung vom Beginn an durchgemacht, doch für den harschen Wandel bzw. Umbruch in Wien war er wohl noch zu jung, als das er die dunklen Zeichen, die sich bereits am Horizont anbahnten, richtig hätte deuten können, zumal er sich trotz des relativ regelmäßigen Zeitungslesen in der Trafik nicht sonderlich für Politik interessierte. Er wollte einfach nur das Leben leben und die Liebe wenigstens im Ansatz verstehen lernen und trotz bzw. gerade wegen dieser simplen Eigenschaften und seines noch nicht abgeschlossenen Wandels hin zum Erwachsenen schloss man ihn als Leser sehr schnell in sein Herz, vor allem da er mit Abstand einer gutmütigsten Figuren der Geschichte ist. So fiebert man als Leser auch bis zum Schluss mit ihm mit und hofft für ihn nur das Beste, obwohl alles in seinem Umfeld vor die Hunde geht bzw. vollends von den Nazis bis zur Unkenntlichkeit pervertiert wird. Der Autor Robert Seethaler versteht es dabei gekonnt mit Erwartungen zu spielen und Leser überraschende Wendungen zu präsentieren, die einem lange in Gedächtnis bleiben, da sie die Handlung in eine komplett andere Richtung lenken. Wenn man etwas wirklich bemängeln möchte, so ist es eine gewisse Trägheit im Mittelteil des Buches, die sich über mehrere Ereignisarme Seiten hinweg zieht. Ansonsten ist Robert Seethalers Der Trafikant eine ganz klare Buchempfehlung und ein starkes Stück aufgearbeiteter Geschichte, die an Brisanz kaum etwas eingebüßt hat. 9/10 Punkten +++ +++ +++ (1/2)
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